Technische Universität München, Fakultät für Mathematik
TUM Math.

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Josef Lense 1890-1985

Spricht man mit einem Ingenieur über Mathematik, und hat dieser vor gut 30 Jahren an der Technischen Hochschule München studiert, so fällt spontan der Name Lense, und in seiner Erinnerung werden zwei typische Vorlesungsstunden lebendig:

Am Vormittag im Groß en Physikhörsaal; ein schmächtiger älterer Herr entwickelt vor knapp tausend Zuhörern - die Knopfleiste seines Sakkos kunstvoll vom Schneider erneuert, die Rede unverkennbar in Wiener Tonfall gefärbt - eindringlich, aber unter geringstem Gebrauch von Kreide, die Höhere Mathematik.

Am Nachmittag Vorlesung Mathematik und Musik; der Professor trägt - mit akademisch ausgebildeter Stimme und am Klavier von seiner Frau begleitet - Arien aus Opern von Mozart, Verdi oder Wagner vor und analysiert den musikalischen Aufbau.

Man hört durchaus ein ,, oft nicht leicht zu verstehen`` heraus, jedoch überwiegt der Respekt für eine Persönlichkeit, die es stets als oberstes Ziel sah, in der Mathematik sowohl das Wesentliche als auch die Bezüge zu den Anwendungen zu vermitteln.

Josef Lense, ein gebürtiger Wiener, wirkte 34 Jahre an der TH München, von 1927 bis 1928 als auß erordentlicher und von 1928 bis 1946 als ordentlicher Professor für Angewandte Mathematik. Neben Spezialvorlesungen für Physiker, Mathematiker und Vermessungsingenieure hatte er bis 1939 regelmäß ig die Höhere Mathematik für Architekten und Chemiker zu halten. Während des Krieges richtete er einen dreisemestrigen Zyklus der Höheren Mathematik für Ingenieure, Physiker und Mathematiker ein, so daß Studienanfänger in jedem Semester beginnen konnten. Wegen seiner Verdienste um die TH München und dank seiner einwandfreien politischen Haltung wurde Lense nach der Emeritierung von G. Faber 1946 Direktor des Mathematischen Instituts. Dieses Amt bekleidete er bis 1961, drei Jahre über seine Entpflichtung hinaus. Die Auswahl und die Aufteilung des Stoffes der Höheren Mathematik auf vier Semester, so wie sie heute an der TU München jeder Anfänger erlebt, geht ganz wesentlich auf Lense zurück. Er hat sie in seinem nur 260 Seiten starken Lehrbuch Vorlesungen der Höheren Mathematik (1948) festgehalten.

Hat Lense auf diese Weise Generationen von Ingenieurstudenten in die präzise Denkweise der Mathematik eingeführt, so ist er Physikern und Mathematikern durch seine Arbeiten über spezielle Funktionen (Nullstellenverteilung bei Bessel-Funktionen) und die Differentialgeometrie im Komplexen bekannt, vor allem die von ihm verfaß ten Abschnitte im Handbuch für Physik (1928 und 1955) und seine Lehrbücher Reihenentwicklungen in der Mathematischen Physik(1933), Kugelfunktionen (1950) und Analytische projektive Geometrie (1965) sind noch heute ein Begriff. Ihre Lektüre bereitet immer wieder besonderen Genuß, sei es wegen der vorbildlich knappen und präzisen Darstellung, sei es als Nachschlagewerk für schwierige Anwendungen.

Lense erhielt international hohe Anerkennung und viele Ehrungen, blieb aber stets bescheiden und sein Leben wurde bis ins hohe, fast biblische Alter von Mathematik und Musik bestimmt. Vor allem seine Erinnerungen an die Entstehung der modernen Physik, die er als Student und Dozent im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts in Seminaren miterlebte, fesselten bis zuletzt seine Zuhörer. Genau zwei Monate nach seinem 95. Geburtstag ist Josef Lense am 28. Dezember 1985 in München verstorben.

Peter Vachenauer

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Michael Kaplan Thu Dec 7 21:19:21 GMT+0100 1995